Ein bewegter Bildbericht von der Forum Expanded Galerien-Bustour
Kino im Kopf. Durch die Busfensterscheibe wird die Stadt zum Film. Die eigene motorisierte Bewegung bringt die Schneelandschaft ins Rollen. Häuser, Straßen, der Fluß und die eine oder andere Sehenswürdigkeit ziehen vorbei. Wo Baulücken den Blick auf Brachflächen freigeben, ist die Stadt noch in Schnee gehüllt. Andächtiges Stadtlandschaftsbild. Und wenn man sich einlullen lässt, wird das Bewegungsbild zum Bewegtbild. Wie im Kino. Doch die Geschichten spielen sich hinter den Fassaden und Fenstern, in den Hausmauern oder der Vorstellung ab. Kino im Kopf. Gespeist durch die Zwischenstops in den Galerien, die »Forum Expanded« präsentieren.
In Phil Collins Telenovela Soy Mi Madre (2008, DVD, 28´ / daadgalerie) beispielsweise entfaltet sich das ganze Drama um einen Kolliers-Klau zwischen der Diener- und Regentschaft eines Hauses, trotz daß die Kamera die Kulissen um die Soaptränen und -flüche immer wieder verlässt. In dem Bruch des Illusionsraums und den überstereotypen Charakteren und Gesten exponiert Phil Collins die mediale Konstruiertheit der Vorabendgefühlstanks
– und baut doch auf ihr Funktionsprinzip: Wenn die Herrin des guten Hauses in rotem Kleid und mit durchgedrücktem Rücken groß und verzweifelt ihr Leid in die Kamera weint, während ihr Film-Ehemann im Bildhintergrund dem jungen Hausmädchen, das die Zähne zusammenbeißt, unter dem kurzen Rock das Bein hoch streicht, dann entrollt sich das ganze Melodram der Serien-Geschichten und -Gefühle in dieser einen Minute – und trotz ihrer ausgestellten Ausschnitthaftigkeit. Kino im Kopf halt. Und ich schwöre mir wieder zu kommen, um den Fortgang der Handlung zu sehen.
Nebenan, in der Galerie Barbara Weiss, kreist die 3-Kanal-Videoinstallation Racetrack (2010, HD, Color, Sound, 6´) von Heike Baranowsky um unerklärlich
wandernde Steine auf einem Hochplateau im Death Valley, California. In konzentrischen Kreisen zirkeln die Bilder auf den drei Screens um ihren Fixstern, einen Stein, der in allen drei Stop-Motion-Animationen im zitternden Zentrum des Bildes steht. Die Bewegungen laufen gegeneinander, scheinen sich zu überschneiden, übersetzen sich oder setzten sich fort. Ein unaufhörliches Kreisen und Zirkeln, das den Stein im Zentrum zitternd feststellt, während es die Umgebung in Bewegung setzt. Aus gut 1000 (Stand-)Fotos pro Film hat die Berliner Künstlerin ein kosmisches Kreisen animiert, in dem sie die (angenommene) Bewegung der Steine in ihre eigene Bewegung übersetzt hat – und sie damit zum Gegenstand der Betrachtung macht. Sie erkundet die Parameter von Bewegung, Vorstellung, Emotionen und (Stand-)Bild im animierten Loop – und lädt die Betrachter zugleich zu kosmischer Selbstvergessenheit ein.
Drei großformatige Screens, drei Mal eine amerikanische Landschaft, drei Mal Kalifornien. Auch James Bennings Videoinstalltion Tulare Road (USA, 2010, 3-Kanal-Videoinstallation) erkundet moderne Mythen – und doch natürlich ganz anders. Bennings Arbeit, Teil der Gemeinschaftsausstellung »Traces the Sand Left in the Machine«
in der Akademie der Künste, öffnet in drei zentralperspektivischen Bildern ein und derselben Straße, die durch das Central Valley in Kalifornien verläuft, einen Reflexionsraum auf den Amerikanischen Way of Life, wenn der Highway die drei Screens der Installation in drei fast exakt gleichen Diagonalen kreuzt. Ab und an fährt ein Truck vorbei. Rauscht durch das Bild und verlässt es von links nach rechts. Oder fährt von rechts nach links auf die Kamera zu. Die Kamera bleibt immer starr, zeigt ein und dasselbe Bild. Unverändert, drei Mal. Kein Schwenk, kein Zoom, keine andere Bewegung als die der gelegentlich vorbeifahrenden Autos. Doch gerade die Monotonie, die Eintönigkeit und Ereignislosigkeit des Bildes, die den Blick über das Grau der tristen Landschaft rechts und links des Highway wandern und die minimalen Differenzen in Farbe und Kameraposition notieren lässt, öffnet einen Raum über die multiplizierten (zentralperspektivischen) Highway-Abziehbilder vom »American Way of Life« nachzudenken. Auch hier wieder Kino im Kopf – doch eher als Referenz denn als Animation.
Kopfkino. Sind die Videoarbeiten, die das Forum Expanded in seinen Ausstellungen präsentiert, eine Art, über die Grauzonen und Grenzbereiche des Kinos in Kunsträumen nachzudenken, so führt die Ausstellung Cinema City in die Kinos zurück. In den Foyers von Arsenal, Delphi und Cubix sind Arbeiten installiert, die über die Überblendungen und Verschränkungen von Kino und Stadt nachdenken. City und Cinema. City Cinema und Cinema City. Die Omnipräsenz von Kinobildern im indischen Stadtbild (wie in Berlin zur Berlinalezeit) wird rückübersetzt in Bilder und Geschichten vom Kino an den Ort ihres Geschehens: dem Kino.
Im Arsenal zeigt die wunderbare Fotostrecke Phantom Lady On Light Boxes die Künstlerin Pushpamala N in der Rolle der indischen Superheldin Nadia. Mit Zorromaske, Hotpants und brennenden Schuhen bestechen diese selbstinszenierten Performance-Fotografien in ihrem »Film noire«-Schwarzweiß nicht nur durch ihre Darstellerin, sondern auch durch die wunderbare Kinogeschichtsreferenz, die das Bollywood der 1930er Jahre und eine seiner wohl faszinierendsten Heldinnen aufleben lässt. Im Kinovorraum und als Fotostrecke. Kino im Kopf. Wie auch bei dem Miniatur-Bioskop im Glaskubus-Foyer im 2. Stock des Cubix am Alexanderplatz oder dem »Single Screen Cinemas«-Guckkasten im Vorraum des Delphi in Charlottenburg. Beide Installationen referieren auf Bollywood Geschichte, doch an die Stelle der Linearität der Geschichtsschreibung stellen sie die Apparaturen, Bilder und Mythen des frühen indischen Kinos. Bildergeschichten und Kopfkino, einmal mehr.
txt: sarah sander


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