FLUG DURCH DIE NACHT von Ilona Baltrusch (BRD 1980)

„Denn sie wissen, was sie tun“

15 Gebrauchtwagen in einem dunklen Raum – und auf den voreingestellten Radiosendern ist nichts als Rauschen zu hören. Bis auf auf einem Kanal: der überträgt die Tonspur des auf der Leinwand laufenden Films. Indoor Auto-Kino! Eine abgefahrene neue Spielstätte des Forums des jungen Films. Berlinale goes Kiez – und Forum Expanded goes Temporäre Kunsthalle.

Wie jedes Jahr lässt sich die junge Teilsektion des Forum von den eingereichten Arbeiten zu ihren Präsentations- und Ausstellungskonzepten inspirieren. In seinem fünften Jahr gab es dadurch beim diesjährigen Forum Expanded neben den Bewegtbild-Ausstellungen, die die Grenzbereiche von Kunst und Kino auch außerhalb des Kinosaals thematisieren, verschiedene (Kino)Performances (v.a. im Hebbel am Ufer, dem HAU) und eine Sammelausstellung unter dem Motto vom Sand in der Maschine, bzw. den Komponenten und Determinanten dieses Widerständigen, das in der Formel vom Sand in der Maschine meint: `Traces the Sand left in the Mashine´ (in der Akademie der Künste). Und eben das Auto-Kino! in der Temporären Kunsthalle auf dem Schloßplatz in Berlin. Der britische Künstler Phil Collins hat ein Kino-Programm aus über 100 Filmen kuratiert, das aus 15 Gebrauchtwagen zu besehen (und über das Autoradio zu hören) ist.

Täglich um 16h läuft hier Ilona Baltruschs FLUG DURCH DIE NACHT. Ein Berlin-Film im doppelten Sinn. Als Teil des diesjährigen FORUM EXPENDED ist er aktuelles Kunstgeschehen und erzählt doch vom Berlin der frühen 80er. Eine Westberliner Kino/Geschichte.

Sätze zirkulieren hier als Zitate ihrer selbst – „Denn wie wissen, was sie tun. / Denn wie wissen, was sie tun.“ – und markieren die Personen als Protagonisten, als Rollen.

„Der Tod wirbt um dich, mit einer Ausdauer, die weh tut.“ (Sie)
„Ich verstehe kein Wort.“ (Er)

Doch Sätze kursieren bald auch als Pamphlete ihrer selbst – „Für unsere Feigheit bezahlen wir.“  – und markieren den Film als Spiel, die Inszenierung als Film.

„Wenn ich den Kopf hebe, fühle ich ihn wieder, den Schmerz.“ (Sie, meistens)
„Mitten in der Stadt bin ich erzogen worden.“ (Er, bis zum Tausch)

Die (Satz-)Wiederholungen, die (Selbst-)Reflexionen, der Blick, direkt in die Kamera – ein anti-mimetisches Realismuskonzept. Doch irgendwann werden die Sätze zu Karikaturen ihrer selbst – und persiflieren das Godardsche Diktum. Oder ahmen sie es nur schlecht nach?

„Meine Kälte des Herzens werde ich vielleicht nie verlieren.“ (Sie, zum wiederholten Mal)
„Die Worte sind ohne Bedeutung, ohne jede Bedeutung.“ (Er)
„Dann habe ich nichts mehr zu sagen, nichts mehr.“ (Sie, lachend)

Gleich zu Beginn, in einer Café-Szene, die allein schon wegen dem Ort an `A bout de souffle´ gemahnt – die Beiden trinken an der Bar, umkreisen sich, schauen abwechselnd cool und in die Kamera, reden kaum – „Eine unmögliche Begegnung“ – kommt der Barkeeper ins Bild, posiert sich frontal vor der Kamera: „Ein modernes Filmband“. Immer wieder ist die Tonangel im Bild. Wenn die beiden durch das Café streifen, fängt sie meist nur ihre Schritte ein.

SCHNITT.

„Wo ist das Geld?“ Langsam, lakonisch und vielleicht ein bisschen aufreizend fragt sie den Mann hinter der Scheibe. Doch das ist keine Gangsterfilmszene, dies ist maximal die erste Probe für eine Gangsterfilmtheater-Projektion. Und doch haben die zwei am Schluss einen Koffer, laufen weg, als sollten sie richtige Freude und vielleicht auch eine richtige Flucht spielen.

Sie ist irgendwo zwischen Jean Seaberg, James Dean und New Wave Glamm-Punk untergebracht; Er übersetzt Berlmondos Coolness in die 80er Jahre Berlins.

Einmal, auf dem Bett: Von oben, beide auf dem Rücken liegend, angeschnitten – ein schönes Filmbild: “Weißt du, was Ilona sich vorstellt, was wir machen sollen, auf dem Bett?“, fragt er (gestelzt). „Gar nichts stellt sie sich vor. Bett, Rücken, liegen. Das stellt sie sich vor. Mehr nicht.“ Antwortet sie, einmal quasi-normal. Keine auswendig gelernte Formel, sondern Filmreflexion – auf Nachfrage und vor der Kamera.

Licht und Farbe konstruieren die Schauspielerkörper als Kinobilder. Mal schwarz, mal weiß, mal 16mm-bunt. Und die Schlagerlieder der 1950er und 60er, gesungen auf deutsch und mit schlechtem englischen Akzent (zum Teil gespielt über Schwarz) geben dem Film einen merkwürdig nostalgisch/gebrochenen Soundtrack. Popgeschichte als Kinoreferenz. Zwischen Westdeutschland und Godards Paris.

„Was ist Kino? Kino ist eine Tafel Schokolade essen. Nur 4 x teurer.“
„Ich wünsche mir öfter Leichenschmaus, Kadaverkino.“

Zum Schluss meldet sich Ilona doch selbst noch zu Wort. Und sie gibt den Bildern ein Gesicht, wenn sie zum Abspann das Team vor die Kamera holt und die mitwirkenden dffb-Freunde zeigt. Film ist immer ein Gemeinschaftsprodukt; ein Konglomerat aus Zeit, Mode, Technik und handwerklichem Tun. Gerade deshalb ist FLUG DURCH DIE NACHT so ein spannender Berlin-Film. Weil er Zeit-, Mode-, Technik- und dffb-Geschichte erzählt. Und das Tag täglich im Auto Kino! in Berlin. Ein wunderbares Berlinale-Spezial.

txt: sarah sander

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