Lange Einstellungen in starrer Kadrage: Die jüngere Schwester (die Kinder sind alle Mitte-Ende 20) erzählt von ihrer neuen Idee eines Geduldspiels, das derjenige gewinnt, der es schafft, am längsten seinen Finger unter heißes, aus dem Hahn laufendes Wasser zu halten. Die Geschwister sind nur im Off anwesend. Ihre Einwände und Fragen sind nur auf der Tonspur verdinglicht, aber durch Mimiken, Gesten, Reaktionen der jüngeren Schwester auf der Bildspur präsent. Schon in den ersten Sequenzen des Films von Yorgos Lanthimos zeigt sich eine ausgesprochene Schonungslosigkeit der Kamera. Doch diese Schonungslosigkeit wird kippen. Interessanter Weise nicht durch technische Mittel, sondern sie wird vielmehr dadurch gekippt, was sie zeigt. Die Einstellungen sind schonungslos, so lange sie in ihrer Starrheit nicht hinterfragt werden. Doch genau das geschieht, sobald sich die Figuren aus der Kadrierung heraus erheben; dann beginnt die Kameraposition von sich selbst zu erzählen. Sobald die Köpfe aus dem Bildraum hinaus ins nicht abbildbare Außerhalb ragen, abgeschnitten sind, wendet sich das schonungslose Betrachten gegen sich selbst.
In was für einer Welt leben aber diese drei Geschwister (jüngere und ältere Schwester, Bruder)? Sie leben in einem Mini-Soziotop, das, vermutlich vom Vater geschaffen, von den Eltern aufrecht erhalten wird. Seit ihrer Geburt werden sie im Glauben gehalten, dass die Welt außerhalb des meterhohen Gartenzauns äußerst feindlich ist. Abgeschottet von jeder „Wirklichkeit“ ist ihnen eingebläut worden, dass sie sich erst in der körperlichen Verfassung befinden das Haus zu verlassen, wenn ihnen der linke oder rechte „Hundezahn“ herausgefallen ist. Der Hundezahn ist der Eckzahn, womit auch schnell klar wird, dass die Kinder das elterliche Haus vermutlich nie verlassen werden können. Zumindest nicht vor den dritten Zähnen. Die Begierde nach dentaler Kastration entsteht. Wobei die Idee vom Gesetz des Vaters (Name-des-Vaters) hier ad absurdum geführt wird. Wir wären also wieder beim Referenzrahmen und damit auch bei der starren Kadrierung, die letztlich darauf verweist, dass die Aufrechterhaltung von Ordnungen immer auch mit einer gewissen Anstrengung verbunden ist.
Doch gibt es nicht nur die Bewegung des Herausfallens aus dem Referenzrahmen, sondern auch die des Hereinfallens. Austauschprozesse, die von den Eltern weitestgehend zu verhindern gesucht werden. So zum Beispiel die Flugzeuge, die am Himmel entlang fliegen und von den Kindern vom Garten aus beobachtet werden können. Da diese Ereignisse begreifbar gemacht werden müssen, lassen die Eltern regelmäßig kleine Plastikspielzeugflugzeuge vom Himmel auf den Rasen fallen. Die Gefahr des Außen wird also dadurch gebannt, das sie schon eingedrungene Objekte, der ihrigen Ordnung einzugliedern suchen. Ein Flugzeug ist ein Plastikdingens, das vom Himmel fallen kann. Und natürlich ist das auch eine Frage der Perspektive. Die Verquickungen von Signifikanten und Signifikate geraten damit auch für die Zuschauer in Unordnung, weil es eben mehr Signifikanten als Signifikate gibt. Versehentlich und zufällig dringen Wörter in die Familiensphäre ein, in der sie weder dingliches noch ideelles Pendant besitzen. Zur Sicherheit heißt der Salzstreuer „Telefon“, damit nicht die Frage auftauchen kann was ein Telefon ist, sollte das Wort versehentlich doch einmal fallen.
Was die Ordnung zu stören wüsste, läuft also immer über Kommunikationskanäle. Die größte Gefahr geht daher von Medien aus, weil sie die Möglichkeit bieten Informationstransmitter zu sein. Eine Videokassette kann mit allem möglichen bespielt sein und birgt dadurch die Gefahr Referenzrahmen zu sprengen. Als sich die ältere Tochter durch List einen Porno beschafft und der Vater es erfährt, wird sie von ihm konsequenterweise mit der Videokassette verprügelt. Dabei wird vor allem der Videokassette Gewalt angetan, weil sie auf ihre Gegenständlichkeit minimiert wird.
txt. julianbauer

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