NERVEN von Robert Reinert, Deutschland 1919

nerven

Draußen vor der Tür.

Zu voll, zu spät, zu kalt.
Die falsche Wärmeschattierung in der Farbhierarchie der Akkreditierungen kann ebenso Grund für eine vor der Nase verschlossene Tür sein, wie Zuspätkommen oder ein überfüllter Kinosaal. Ob in Kartenschlangen vor Vorverkaufskassen oder beim gestaffelten Einlass der Akkreditierten in den Kinosaal, die Berlinale hält nicht nur große Kino-Momente und prominente Begegnungen bereit, sondern auch angespanntes Warten und bittere Enttäuschungen.
NERVEN zeigen. Mit mir stehen etwa 15 weitere Kinoliebhaber vor der verschlossenen Tür. NERVEN, 2.637 Filmmeter im Original, die ich vielleicht nie zu Gesicht bekommen werde. Zumindest nicht so. So neu, so aufregend, mit bei den ersten – nach fast 90 Jahren in Vergessenheit.
NERVEN ist ein „lange Zeit übersehener und in seiner Art einzigartiger Film der deutschen Filmgeschichte, der den Bogen spannt von der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und dem zerrütteten Glauben an den technischen Fortschritt über die politischen Auseinandersetzungen der unmittelbaren Nachkriegszeit und die Aufstände in den Münchener Straßen bis zu Angstvisionen und Albträumen des deutschen Stummfilms der zwanziger Jahre“, fasst das Informationsblatt höhnisch zusammen, was ich nicht sehen kann: Robert Reinerts Film von 1919, der lange Jahre als verschollen galt und jetzt in langwieriger Restaurationsarbeit aus den von Moskau über das Bundes-Filmarchiv Berlin bis in die Library of Congress verstreuten Filmfragmenten von unterschiedlichster Schnittfolge und Qualität mühselig rekonstruiert wurde, so die Informationen auf dem Papier.* NERVEN bewahren. Mit Hilfe von zeitgenössischen Pressestimmen, Programmzetteln und der Zensurkarte vom 15. Februar 1920 wurde versucht die Originalfassung des Films möglichst genau wieder herzustellen, auch wenn noch immer ein gutes Drittel der originalen Filmlänge fehlt. Heute feiert diese Rekonstruktion von NERVEN auf der Berlinale ihre späte Auferstehung – und ich stehe noch immer draußen vor verschlossener Tür.
NERVEN behalten? „Mitten in einer Zeit, da den Nerven alles zugemutet wird, was Menschen ertragen können“ schreibt Heinz Schmid-Dimsch am 28.12.1919 in `Der Film´, „da Aufruhr, Hunger, politische und wirtschaftliche Kämpfe die deutschen Lande durchtoben, schuf Robert Reinert den Film NERVEN.“ Mein Blick fliegt flüchtig vom Papier zur verschlossenen Tür. „Das nervenzerrüttende Leben pulsiert, jagt, flackert vorüber. Fieberhaft. In hunderten von Bildern verschiedenster Art.“ Und wieder einen Schritt weiter nach vorn. „NERVEN – da jagen die zerrütteten Nerven durch ein Schimpfwort gepeitscht einen jungen Gärtner in den politischen Kampf und lassen ihn zum Mörder werden, er weiß nicht warum.“ Mein Fuß trifft unvermittelt die Ferse meines Vordermanns. „NERVEN – da schwört ein um seine Machtstellung ringender Fabrikant einen Meineid, weil ihm die zerrütteten Nerven glauben lassen – er hätte eine Tat gesehen, die seine Schwester nur erzählt, in kurzen Worten angedeutet hat.“ Und immer noch draußen vor der Tür. „NERVEN – da bringt ein um Liebe ringendes Weib einem unschuldigen Wesen ungewollt den Tod, weil ihre zerrütteten Nerven sie zu unsinnigen Verzweiflungstaten führen. NERVEN“ – Da kommt mir plötzlich eine Idee: „NERVEN  – da stürmen aufgepeitschte Menschen aufeinander;“ Wenn wir alle, wir 15 hier draußen gegen die zwei Türwächter vor Kino Acht … „sinnlos, den Tieren gleich.“ NERVEN. Was dann?

Zu spät. Das CineplexX hält seine Türen verschlossen. Zu voll, ist die Antwort für alle von uns. Da lässt sich einfach nichts machen, auch nicht für die Akkreditierten mit warmer Farbschattierung. Vor den NERVEN des Kinopersonals kollabiert selbst die Berlinale-Hierarchie.

Draußen vor der Tür.
Ein historischer Moment, vergangen.
Eine einmalige Gelegenheit, verpasst!

txt: Sarah Sander

* NERVENkitzel. Das Informationsblatt selbst liest sich wie ein Krimi: 2.637 Meter misst NERVEN im Münchener Original, die Zensurkarte vom 15. November 1920 der Filmprüfstelle Berlin listet allerdings nur noch eine 2.054 Meter-Version. Zeitgenössischen Rezensionen und Programmzetteln zufolge scheint die bei Gosfilmfond in Moskau entdeckte, mit 1.646 Metern längste erhaltene Kopie, eine um Revolutionsszenen und Straßenschlachten gekürzte Fassung dieser Berliner Version zu sein, die selbst bereits Umschnitte, Kürzungen und den Verlust der „lebenden Zwischentitel“ in Kauf nehmen musste. Im Gegensatz zur russischen Version war das 777 Meter lange Filmfragment NERVES, das sich in der Library of Congress fand, viragiert und getont, so die Information auf Papier. Wie mag demnach die restaurierte Fassung heute wohl laufen? – Viragiert oder in schwarz und weiß? Wenn 869 Filmmeter nicht in Farbe erhalten sind, wird dann angleichend nachkoloriert? Denn laut der detektivischen Konklusion des Münchener Filmmuseums, das NERVEN hier heute präsentiert, scheint die amerikanische Version dem Münchener Original am nächsten zu sein. Die 65 im Bundesfilmarchiv in Berlin aufgefundenen Filmmeter legen diese Vermutung nahe, da sie auch bunt und Outtakes einer sehr frühen Version von NERVEN sind.

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